Berliner Leben. (Neuköllner Oper)

Offenbach liegt nicht am Main, sondern in Paris begraben. (Heute exklusiv im Ausverkauf: Trashige Einstiege.)

Die Strecke von der Neuköllner Oper in der Karl-Marx-Straße zum Friedhof von Montmartre in Paris beträgt etwa 1052 Kilometer.

Mit einem selbstauffüllenden Tank und Bleifuß braucht man dafür 10 Stunden und 7 Minuten. Verlässt man brav um Viertel vor 11 das Theater, kann man also bereits um 9 Uhr morgens in Paris nachsehen, ob sich Komponist Jacques Offenbach in seinem Grab umgedreht hat.

BERLINER LEBEN gebärdet sich „freizügig nach Offenbach“. Der hat eine Operette geschrieben, das PARISER LEBEN treffenderweise, welche 1866 uraufgeführt wurde. Es geht darin um’s Feiern, Verschwenden, Hinters-Licht-Führen, Sich-frei-Fühlen, Sich-frei-Machen. Verraten, Lieben. Sich-Blamieren. Andere-Blamieren. (…)
In Berlin geht es ungefähr um dasselbe, nur eben 150 Jahre später. Inszeniert hat Hendrik Müller, die Arrangements der Operette stammen von Barbara Rucha und die Textfetzchen von Kriss Rudolph.

Wie man’s nachmachen könnte:
Anwendungsbeispiel: SUPERMARKT (-) LEBEN.
(Sprache hat Vorrang! Gegebenenfalls also die Form minimal anpassen. Ganz bisschen nur.)

1. Suchen und Ersetzen

Das Libretto (die Textfassung der Operette) in das Textverarbeitungsprogramm einspeisen. Die Funktion „Suchen und Ersetzen“ benutzen und jedes PARIS durch den gewünschten Begriff ersetzen. (Hier: SUPERMARKT.)

2. Lokalkoloritieren

Was ist der Eiffelturm des Supermarkts? (Auf Wunsch wird hierfür eine separate Abstimmung eingerichtet.) Markante Orte/Personen/Hintergründe an den eigenen Begriff angleichen. Im BERLINER LEBEN betrifft das übrigens vor allem den Flughafen Schönefeld, Wowi und die Berliner Clublandschaft.

3. Musik abschöpfen

Welche Melodien der Partitur kriechen einem in die Ohren? Die bleiben. Der Rest wird zusammengeschreddert mit passenden Sounds. Im Falle des SUPERMARKT-LEBENS: Das sanfte Klirren der Milchflaschen in der Kühlung, das Fiepsen des Warenscanners an der Kasse, die summende Tiefkühltruhe, nörgelnde Kunden, gesichtslose Hintergrundmusik…
Kleine Schwierigkeit: Die zur Verfügung stehenden Instrumente beschränken sich auf Klavier, Marimba und sonstige Percussion. Eine nörgelnde Snare? Naja. Muss man halt ein bisschen Phantasie mitbringen.

Nun braucht man nur noch Sänger, die mit so viel Elan spielen wie in der Neuköllner Oper, und PAM – da ist sie, die Offenbach-Adaption.

(Publikumspalaver.)

Diese Form der aktualisierten Oper findet ihr Publikum: Der Altersschnitt liegt am Abend des 24. März bei 55+. Es gibt nur geringe Ausreißer.
Und auch heute darf tAMtAMs wundervolle Publikums-Prämierung nicht fehlen:

 tAMtAM gratuliert zum Spiegelbild und überreicht virtuelle Klon-Tulpen.

Für Liebhaber des Schlagreims ist die Neuköllner Oper übrigens aus einem ganz anderen Grund eine Pflichtübung:

Gesehen im Zwischengeschoss der Neuköllner Oper.

Und was war da auf der Bühne los?
Hier leben die Berliner.

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