Die lächerliche Finsternis. (Deutsches Theater)

Obwohl der Hindukusch sicherlich nicht zu den Evergreens des Nachrichtenjournalismus zählt (so wie beispielsweise Herdprämie, Rentnerschwemme oder Herzverfettung), hat ein Großteil der Deutschen ihn doch irgendwie auf der Pfanne, den Hindukusch, wo war der doch gleich, achso klar, Afghanistan, aber was war das eigentlich nochmal, äh…

In DIE LÄCHERLICHE FINSTERNIS macht sich Wolfram Lotz das Siebhirn des Newsfeed zunutze, erklärt den Hindukusch kurzerhand zum gigantischen Fluss, auf dem die beiden Bundeswehr-Soldaten Pellner und Dorsch dahinschippern, auf der Suche nach Oberstleutnant Barbara Deutinger. Deutinger ist durchgeknallt, irgendwo im Nirgendwo-Hindukusch (beziehungsweise an dessen urwaldgesäumten Ufern (!!)), hat zwei Kameraden erschossen und einen italienischen Blauhelm-Funker zum Amoklauf animiert.
Die Reise ist ein Trip in die eigenen Eingeweide und kommt wie eine öffentlich-rechtliche Fernseh-Doku auf LSD daher: Leute latschen auf und um das Boot der Kameraden Pellner & Dorsch. Blauhelm-Soldaten, Missionare, vergrämte Verkäufer. Pellner & Dorsch halten den Kurs und kommen dabei immer weniger klar. Und dann ist da irgendwo auch ein somalischer Fischer, der ein staatlich diplomierter Pirat werden musste, weil ihm die Industriestaaten das Meer leergefischt haben. (Somalia, Afghanistan, lagen die echt nebeneinander, äh…)

Klingt bisschen verrückt? tAMtAM empfiehlt Lotz‘ REDE ZUM UNMÖGLICHEN THEATER, welche die netten Menschen im Deutschen Theater praktischerweise ins Programmheft gedruckt haben, hier ein Auszug:

Ist diese Wirklichkeit etwa vollkommen? Was für eine blöde Frage: 
Nein, natürlich nicht, sie ist ungenügend, die Wirklichkeit ist ein
löchriger Schuh, den wir uns so nicht anziehen werden! (...) Das 
unmögliche Theater ist das fortwährende Scheitern in eine bessere 
Zukunft hinein und vorwärts in die Vergangenheit!

Zugegeben, tAMtAM liest das vor der Vorstellung und denkt sich, naja gut, okay, ist ja ganz lustig-verspult das alles, aber was will er damit auf der Bühne machen? Einfach Dada mit Globalisierungs-Vokabular?

Zwei Stunden später gibt tAMtAM guten Gewissens zu Protokoll: Es funktioniert, der Hindukusch ist ein Fluss, somalische Dipl.-Piraten wandern über den Meeresgrund nach Afghanistan und das alles erzählt mindestens ebenso viel über unsere heutige Welt wie das ARD-Fernsehen am Sonntagabend.

Die Inszenierung von Daniela Löffler profitiert von drei herausragenden Schauspielern, einer etwas plumpen aber dennoch sehr formschönen Regenwald-Soundkulisse und einem sich entfächernden Plastikplanen-Bühnenbild. Die Übersetzung von Lotz‘ absurder Vorlage in konkrete Vorgänge auf der Bühne gelingt in der ersten Hälfte des Abends grandios, der zweite Teil wirkt dann bedauerlicherweise etwas blutleer. (tAMtAM sinniert über eine Je-mehr-sichtbare-Plastikplane-desto-weniger-packende-Bühnenaktion-Gleichung.) Das Ende wirkt dadurch wie ein nicht-zündender Feuerwerkskörper – der große Knall bleibt aus.

DIESER ARTIKEL ERSCHIEN ZUERST BEI LIVEKRITIK.DE

 

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.