Jelinek. (Winterreise vs. Klavierspielerin)

Was geschieht, wenn Theater Literatur frisst? Ein Buch sich im Theater entblättert? Der Kinofilm den Konzertsaal inhaliert und ihn als plattgedrücktes Stück Leinwand wieder zurückkotzt in die kulturbegeisterte Öffentlichkeit?

tAMtAM forscht nach – mit der neuen Kategorie Maultier. Der Genremix.

HEUTE:
Jelinek. Winterreise versus Klavierspielerin.

Am 22. April 2012 fällt Elfriede Jelineks Roman DIE KLAVIERSPIELERIN in die Vorstellung von Elfriede Jelineks Theaterstück WINTERREISE am Deutschen Theater ein.

Rezept: Bei einem gefühlt wichtigen Moment des Stücks schlägt man eine gefühlt wichtige Seite des Buches auf und notiert die Seitenzahl. Nach dem Theaterabend wird beides zusammengestrickt.

DIE TRAURIGE GESCHICHTE DES HERRN KOHUT (Fragmente)

1. GUTE NACHT.
Die Frau und das Klavier in einem Blumenmeer. Es ist einer von diesen böse flimmernden Frühlingstagen gewesen, an dem die Damen Kohut den bereits vollkommen orientierungslosen und verstandesschwachen Vater in das niederösterreichische Sanatorium eingeliefert haben, bevor das staatliche Irrenhaus Am Steinhof – selbst der Landesfremde kennt es auch düsteren Balladen – ihn aufnahm und zum Bleiben einlud. Fremd [ist er] eingezogen, fremd [zieht er] wieder aus. Mit ihm – ein Mondenschatten als [sein] Gefährte.

Wenn man die Kunst, diese Fallgrube mit den einbetonierten Sensen- und Sichelspitzen, nur gründlich durchforstet, findet man genug Beispiele für anarchistisches Verhalten. Der Künstler geht dem bitteren Schenkeldruck der Wahrheit wie dem der Regel gern aus dem Weg. Er geht – vorbei.

Vorbei. [Doch] es wird etwas viel Schlimmeres kommen. (Ein Mondenschatten.)

Und am Vorbei kann man sich nicht mehr erfreuen. (Die Frau auf der Bühne in dem geblümten Sommerkleid ist hinter dem Klavier hervorgekrochen.) Alles ist fort. Was geschrieben wurde, ist in der Gegenwart immer ungültig. Man kann Bücher, eine Stereoanlage samt Platten und Boxen, den Fernseher, das Radio, die Schmetterlingssammlung, das Aquarium, die Hobbygeräte und Diverses und Diverses, dem Auge des Betrachters entzogen, gut und sicher aufbewahren. Der Besucher erblickt nur den dunkel gebeizten Palisanderverbau, das Durcheinander dahinter sieht er nicht. Er sieht vielleicht – und soll auch sehen – die kleine Hausbar mit bunten Likören und, darauf abgestimmt, zornig glitzernde, endlos polierte Gläser. Die zumindest in den ersten Ehejahren noch sorgsam poliert sind. Später werden sie von den Kindern zerbrochen, oder man vergisst das Putzen absichtlich, weil der Mann immer so spät kommt und aushäusig säuft. (Zurück bleiben allein der Flügel und eine verwilderte Blumenwiese.)
Vorbei ist vorbei. Fragen Sie die Zeit, sie wird es Ihnen bestätigen.

2. ERSTARRUNG.
Die Liebe? Dabei wird die ganze Kunst nicht trösten können, obwohl der Kunst vieles nachgesagt wird, vor allem, dass sie eine Trösterin sei. Manchmal schafft sie allerdings das Leid erst herbei. Was willst du denn hier, du Träne? Das Jetzt ist ein Irrtum. Ich will den Boden küssen, mit meinen Tränen.

3. TOCKENDES PAPIERPALAVER
Sosehr er sich bemüht, als Mensch kann er sie jetzt nicht mehr recht sehen. (Der Papa.) [Sie] wollen hier keine Opfer. „Wer fragt denn nach uns?“, schreien sie. „Wir müssen alle sterben, aber gehen wir damit an die Öffentlichkeit? NEIN! Die aber schon!“

4. LINDENBAUM
Das Nachthemd der Mutter ist bei dem Kampf verrutscht und beweist, dass die Mutter, trotz allem, immer noch zuallererst Frau ist. Wir decken ununterbrochen auf – aber wir sehen gar nicht, was. Es zieht uns fort.
Die Mutter sagt, jetzt stirbt sie bald endgültig, der Wille ist da, und das Herz ist schon schwach. Nie mehr Vergangenheit. Im Jetzt sein. Hier findest du deine Ruh‘.

5. FLÜGELFESSELN/WASSERFLUT
Was soll [er] leiden? Woran? [Er verlangt] die Zärtlichkeiten, die [ihm] zustehen.
[Die] rote Drachenlady schiebt jetzt ihre leicht fettliche Rückseite ins Bild. An ihrer vermeintlichen Zellulitis arbeiten sich billige Masseure seit Jahren die Finger wund. Doch die Männer erhalten bei ihr mehr für ihr Geld. Die Menschen sollen [ihre] Genitalien sehen und schätzen lernen.
[Die] Bindung an MAMA besteht leider noch fort, was soll [man] machen. Für [die] Mutter spielt [er] die Rolle des Geldes, mit dem sie knausert.
[Aber] das Netz ist eine Gebärmutter für Menschen, die immer schon total fertig sind, wenn sie rauskommen. Das Netz wird Tonnen von Menschen freigeben. Wo sollen wir sie hinkippen?

6. GAFFATAPEMAN/AUF DEM FLUSSE
Im Wasser ist er Kenner und Könner. Im hellen, wilden Fluss.
[Das] Wasser sprudelt selbstsicher geschwätzig herum. Und plötzlich: Ruhe in einem irren Haus. Das kalte Wirtshaus, das [ihn] immer abgewiesen hat, kann jetzt schließen.

Im Grab wird man in Ruhe gelassen? Hier soll keine Ruhe sein.
Es ist immer dieselbe Leier.

Die WINTERREISE in der Regie von Andreas Kriegenburg ist im Deutschen Theater wieder am 26. Mai zu sehen.

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