Pollesch vs. Pollesch (Deutsches Theater)

Jaja, man soll es nicht tun, ABER TAMTAM MACHT ES TROTZDEM. Beitragsbeginn mit Zitat. Oh-oh.

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Ich würde niemals sagen, dass auf der Bühne nicht ernsthaft 
versucht würde, die [klassischen] Stücke ins Heute zu 
transportieren. Aber allein die Tatsache, dass sie vor allem nicht
jetzt gesagt werden, wirkt beruhigend. Es gibt einfach eine riesige
zeitliche Kluft zwischen den Texten und den Leuten im 
Zuschauerraum.

Sagt Pollesch in seinem „Schnittchenkauf“. tAMtAM war deshalb ein bisschen enttäuscht, als GLANZ UND ELEND DER KURTISANEN in der Volksbühne ebenfalls ziemlich zerklüftet war, genau genommen eine veritable Kluftkaskade. Es gab Klüfte zwischen Text und Inszenierung, zwischen Schauspielern und Text, zwischen Publikum und Inszenierung, zwischen Bühnenbild und Spielweise… Letztendlich war das zwar nicht beruhigend, aber doch relativ stark einschläfernd.

Eine Woche später begibt sich tAMtAM zu den Autorentheatertagen ins Deutsche Theater, um sich künftige Klassiker anzugucken, über die sich in 100 Jahren die Theatermenschen dann so aufregen wie Pollesch heute über Aischylos PERSER. Geladen ist eine Produktion des Meisters von den Münchner Kammerspielen: GASOLINE BILL. Der Pfingstmontag ist ein warmer Tag und tAMtAM verweilt noch einige Minuten im Weißbierdunst der Münchner Bühnentechnik. 10483525_588382847947886_2069135275_nUnd dann gehts auch schon rein. tAMtAM stiefelt zu seinem Platz und bekommt einen vorübergehenden Herzstillstand: (Fast) dasselbe Bühnenbild wie in der Volksbühne, nämlich ein meterhoher Lametta-Wandbehang. Offenbar ist das Bert Neumanns Beitrag zur Nachhaltigskeits-Diskussion.

Die Musik ist glücklicherweise nicht dieselbe wie bei den KURTISANEN (Beastie Boys statt Wagner-Ouvertüren) und auch das Bühnenbild entpuppt sich als variiertes Zitat, denn das Lametta umrahmt diesmal eine Wild-West-Saloon-Gebetsmühle, nicht den Heißluftballon.
Die Kernthese, die der Text im Laufe des Abends umkreist und dabei immer konkreter festtrampelt, lautet so in etwa: Wenn wir ins Theater gehen, übernehmen die Schauspieler das Ausleben unserer Emotionen, damit wir uns auf die wichtigen Dinge des Lebens konzentrieren können. (Zum Beispiel darauf, wo zur Hölle wir eigentlich unseren edlen Kugelschreiber verlegt haben.)
Das impliziert natürlich auch die Darstellung jener Schauspieler, die dann die ganze emotionale Scheiße auf der Bühne ausbaden dürfen (allesamt grandios: Katja BürkleBenny ClaessensSandra HüllerKristof Van Boven). Und die den Text irgendwann der Gebetsmühle (damit ist die sich drehenden Saloon-Attrappe gemeint) übergeben, weil die das Wiederkäuen von Emotionen sicherlich noch allumfassender, endgültiger und befreiender bewerkstelligt als Menschen das je könnten.

Sperriges Thema, brillante Umsetzung. Knapp zwei Stunden, in denen sich dichte Textnetze mit unglaublich banalen wie unterhaltsamen Aktionseinlagen (Gebetsmühlen-Schieben, Luftballons-Werfen, Video-Nachtanzen) mischen, in denen die Schauspieler alles geben und sich 80% des Publikums kaputtlachen.
Selbst wenn tAMtAM mal eine Textschleife auslässt (weil der Witz vorher zu gut war, tAMtAM zu lang lacht und darüber den Anschluss zum nächsten Themenblock verpasst) – man fliegt nicht raus. Sofort kommen wieder Szenen, in die man auch ohne den vorherigen Text einsteigen kann. Irgendwie ist es deshalb auch ein Abend gegen die Linearität von Theaterstücken, und das obwohl Polleschs Dramaturgie auf den sehr linearen Wechsel Aktion vs. Text aufbaut. In diesem Fall schließt sich das aber merkwürdigerweise nicht aus.

Beim großartig langen Schlussapplaus kommt Pollesch sogar nochmal selbst auf die Bühne. tAMtAM schlappt danach sehr glücklich nach draußen und glaubt wieder an den Sinn von Theater. Amen.

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