Signa: Club Inferno. (Volksbühne)

Signa sind in der Stadt und schon legen sie los, munkel-munkel, hast du schon Karten, warst du da, ach nee – nee weißt du, doch ja, sehr beeindruckend, hm-hm-hm, Pavillon, Karten, Penner, Essig-Taufe.
Umstände.

Worum geht’s?
Das Performance-Kollektiv Signa hat sich Dantes Inferno vorgeknöpft und daraus einen CLUB Inferno gemacht, in dem die Zuschauer/Gäste durch neun den Höllenkreisen nachempfundene Orte laufen und allerlei Erfahrungen machen (sollen). Erfahrungen (Modewort!) mit wildgewordenen Schauspielern, oder naja, schauspielerähnlichen Wesen jedenfalls, die eine Rolle spielen und dann doch wieder nicht und mit dem Publikum interagieren (Modewort!!).

tAMtAM fand das erst mal eine gute Idee. Weg vom ewigen Geschwafel über das „Einbeziehen des Publikums“, das doch eigentlich gar nicht einbezogen werden will und infolge dessen empört über das Regietheater schimpft.
Stattdessen eine klare Ansage: Du gehst in einen Club, das Rezeptionsverhalten an diesem Ort besteht darin, neben dem Glotzen auch selbst aktiv zu sein. (Man könnte zwar einwenden, dass man ja auch nicht zum Raubtier-Dompteur werden möchte, wenn man eine Karte für den Zoo kauft, aber da dieses Argument nicht gut zur Allgemeinaussage dieses Beitrags passt, geht tAMtAM einfach mal selbstgerecht darüber hinweg.)

Damit auch keiner hinterher meckern kann, dass das nicht klar gewesen sei mit der persönlichen Aktivität und Pipapo, ist das Ticket-Prozedere ordentlich aufgeblasen. „Das Stück beginnt lang vor der Vorstellung“ schreibt irgendein Schreiberling in einer Rezension.
tAMtAM findet: Die Menschen sind offenbar so verzweifelt auf der Suche nach „Erfahrungen“ und dabei derart gut erzogen, dass sie auch den absurdesten Quatsch mitmachen:
Hat man eine Karte gekauft, muss man sich zum Pavillon der Volksbühne begeben, der ab Mitte April täglich nur noch zwischen 12 und 15 Uhr geöffnet ist. Damit ist klar: Das wird wahrscheinlich ein Hipster-Kunstkaliber-Publikum, das da Erfahrungen macht, denn alle anderen sind um diese Zeit arbeiten.
Vor dem Pavillon hocken einige Schauspieler-Penner, die tAMtAM halbherzig am Eintreten hindern. (tAMtAMs Tipp: Einfach einen Kasten Freibier vor den Pavillon stellen, dann kommt die authentische Alexanderplatz-Klientel von ganz alleine rüber.) Im Pavillon wird eine wirklich gute Szenerie (Wald-Puff-Mischung) von zwei leichtbekleideten Damen bevölkert, deren Text aus einer Variation von „Hast du Wodka dabei?“ besteht.
tAMtAM hat keinen Wodka und wartet artig auf einem der Sofas; darf sich schließlich vor den „Schalter“ hocken, in dem eine Frau und der „Club-Besitzer“ in schmuddeligen Pelzmänteln sitzen und wichtig tun. tAMtAM tut auch ein bisschen wichtig, merkt aber schnell, dass das hier nicht so gut ankommt. Schließlich soll man ja wie Dante auf den Pfaden der Buße wandeln – die Grundidee, die bei dem ganzen Gehölz zunehmend in den Hintergrund gerät, wird nun dadurch wieder aufgenommen, dass die Figuren/Schauspieler/Protagonisten mit Zitaten um sich werfen. („Ihr seid hier, weil ihr auf dunklen Pfaden wandelt.“ – „Hä?“ – „Seid ihr vom rechten Weg abgekommen?“ – „…?“ – „Braucht ihr Hilfe?“ – „Öhm.“ – „Ich frage euch, ob ihr Hilfe braucht.“ – „Eigentlich nicht.“ – „Ihr braucht keine Hilfe?“ – „Nee.“ – „Wir helfen euch trotzdem.“ – „!“)
tAMtAM soll eine Spielkarte ziehen und dann seinen Namen auf eine trashige Broschüre schreiben („So, dass WIR ihn lesen können. MIT Zunamen!“). tAMtAM mag Trash. Aber in der Broschüre steht allerlei wirres Zeug über den Club Inferno und der wirkt dadurch zunehmend wie eine Art Theatersekte, ziemlich unsympathisch irgendwie. Klar, die Hölle soll nicht sympathisch sein, aber dieser ganze Kram mit Dresscode (nur schwarz und bitte keine Socken mit Bart Simpson, die Schuhe müssen nämlich ausgezogen werden), Redevorschriften und einem möglichen Hausverweis bei unpassendem Benehmen wirken eher wie eine Mischung aus elitärem Golfclub und katholischer Kirche.

Am Nachmittag vor dem angegebenen Besuchstermin („PÜNKTLICH!!“) sitzt tAMtAM da und fragt sich plötzlich – wozu das alles?
Geht es um die Arbeiten von Signa, wird viel über dieses Ertappt-werden geschrieben: Man wird dazu aufgefordert, irgendwen zu betatschen, man ist folgsam, fügt sich, und hoppla – merkt auf einmal, dass man ja einen Schauspieler betatscht. Au weia.
Weshalb ist es so reizvoll, in eine Welt einzutauchen, die vollkommen künstlich ist und in der bestimmte – positive – Wendungen der „Geschichte“ nicht möglich sind, weil sie im Konzept nicht vorkommen? Wo zwar scheinbar alles möglich ist, die Handlungen jedoch immer der Sicht der Gastgeber unterliegen und bei Bedarf entsprechend kanalisiert werden? Und wozu diese merkwürdige Triebabfuhr, die immer durch den Begriff „Theater“ eine gewisse Legitimation erhält – kann man zum einvernehmlichen Tatschen nicht eine Institution wie den KitKatClub bemühen?

tAMtAM entschließt sich gegen die Hölle. (Muoaaah, wie feige!!) Aus Opportunismus, klar, und aus der Überzeugung heraus, dass man sich nicht veräppeln lassen muss, bloß weil Kunst draufsteht.
Persönliches Mit-Erleben muss auch möglich sein, ohne auf merkwürdig autoritäre Hilfsmittel zurückzugreifen.

(Auf diese Erkenntnis stößt tAMtAM erst mal mit seinem Hausdiener und einem Schluck Essig an.)

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