West Side Story. (Komische Oper)

tAMtAM geht in die OPER, erwartet MUSICAL und sieht – BALLETT.

Barrie Kosky schafft West Side Story backsteinfrei, von den Oben-ohne-Tänzern kommt er  auch diesmal nicht los (zu sehen bereits hier); sie haben sich sogar wundersam vermehrt.
Ganz schön berechnend, könnten die bösen Zungen da undsoweiter undsofort.

Doch nein! 500 000 000 Tänzer, das ist bei dieser Art von Stück ein Statement, eine Liebeserklärung an die Institution OPER! (OPER meint hier das Schrägstrichduo Opulenter Pomp/Ermangelnder finanzierungsRahmen.) Denn West Side Story funktioniert beim regietheatergeschundenen Stadttheater-Publikum ähnlich gut wie äpfelnde Lifestyle-Produkte bei Lifestyle-süchtigen Äpfeln äh Menschen — ANZEIGE Sie wollen lernen, wie man wirklich witzig ist? Klicken Sie auf das Banner! (rechts unten im Fenster) ANZEIGE — DIE KASSEN KLINGELN NÄMLICH AUF EINMAL BEINAHE WIE VON SELBST.
Damit man aus der ganzen Sache dennoch chronisch unterfinanziert rausläuft, kauft man sich 500 000 000 Tänzer und zack, sind die Grundvoraussetzungen für OPER wieder hergestellt.
Für diejenigen, denen das zu sehr um die Ecke gedacht ist, wurde die weibliche Hauptrolle übrigens mit einer Dame besetzt, die äußerlich & akustisch das Klassische-Sängerin-Klischee bedient. Damit die Arme nicht zum wandelnden Opern-Relikt wird, ist ihr Kleid eher anti-operistisch gehalten. tAMtAM ist sich nicht ganz sicher, ob das eine schlaue Idee war.

Ballett ist natürlich streng genommen nicht das, was die halbnackten Männer (vereinzelte Frauen sind ebenfalls darunter) da machen, auch wenn sie sich die meiste Zeit schön symmetrisch hinsortieren und tAMtAM das irgendwie unpassend vorkommt – ordnen sich Gangs sternförmig auf Drehbühnen an? Warum nur?
Ballett ist aber ganz sicher das, was im Schnürboden passiert. Ohne zu viel verraten zu wollen – die West Side Story der Komischen Oper ist über weite Strecken exzellent inszeniertes Schnürboden-Ballett und als solches in jedem Fall zu würdigen.

Missmutiges Schwurbeln über sängerische Leistungen bitte an anderer Stelle nachlesen. tAMtAM schwurbelt prinzipiell nicht über sängerische Leistungen aufgrund einer Allergie gegen relativen Subjektivismus. (HAHA!)
Ein Werbefilm (Pardon, RBB) für die Inszenierung ist hier zu finden.

 

Abschließend hat sich tAMtAM einige Denksportaufgaben für diejenigen ausgedacht, die noch Karten ergattert haben (Obacht, verkaufen sich in etwa so gnadenlos wie Arcade-Fire-Geheimkonzert-Tickets!) und die jeweilige Vorstellung telepathisch mit Inhalt aufladen wollen:

1. Thematisiert man tatsächlich eine „Migrationsproblematik“, wenn man lediglich die Anlagen des Stückes illustriert? Wäre es nicht irgendwie angebracht gewesen, Texten und Handlungsvorgaben, die aus heutiger Sicht diskriminierend sind, etwas anderes entgegenzusetzen als das standardisierte „Ey Chico!“-Gebrüll?

2. Besteht eine Aktualisierung des Stoffes wirklich darin, die Tänzer in die Nike-Kollektion von 2010 zu stecken und tanzen zu lassen wie in einem R’nB-Musikvideo?

3. Sind sämtliche Polizisten, die in der Inszenierung vorkommen, vielleicht Mitglieder des Opernchors?
3.b Oder sollen ihre unterirdischen Sprecheinlagen möglicherweise Parodien unterirdischer Darstellungen amerikanischer Cops in amerikanischen Kinofilmen sein?

4. Welches der Lieder habe ich schon einmal im Schulchor gesungen?

Und schließlich…
5. Was hat das alles mit mir zu tun? (Wahlweise auch: Fühle ich mich eher als Maria oder Tony?)

 

tAMtAM wünscht einen ersprießlichen Besuch.

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