American Cliché

Dieser Text erschien zuerst auf missy-magazine.de

Oper ist oll. tAMtAM behauptet das nicht allein aus Freundschaft zur Alliteration (Theater ist toll, Kino ist – na? Genau, knorke), sondern stützt sich dabei auf un(ge)schön(t)e Erfahrungswerte. Mitsingen? Macht man nicht. Omis Pailletten-Twinset anziehen, obwohl die eigene Mutter das schon einmotten wollte? Beschert einem garantiert neidische Blicke auf der Damen-Toilette. Leute verächtlich mustern, wenn die beim Brezel-Essen vergessen, den kleinen Finger abzuspreizen? Gehört zum guten Ton.

Ach nee, der ist ja auf der Bühne, der gute Ton. Bei allem Gemecker über das Publikum darf man nie vergessen, dass das wahre Übel der Oper auf der Bühne beginnt. In den allermeisten Fällen zumindest.

Die Frauen hatten es in der Oper auch abseits von Glitzerkleidchen immer ein bisschen schwer. Ganz zu Beginn ihrer Geschichte, im 17. Jahrhundert, waren die weiblichen Figuren in einem Stück allesamt entweder geliebt oder gestört. Dazwischen ging nichts. Ihre dramaturgische Funktion lässt sich im besten Sinne mit „passives Element“ umschreiben. Nun ja.
In der Romantik wandten sich KomponistEN und LibrettistEN (ja, das waren halt Männer) der tragischen Frauenfigur zu, zeigten sie leidend – und meistens auch sterbend – auf der Bühne; erdolcht von ihren eifersüchtigen Männern, dahingerafft von schrecklichen Krankheiten. Blumenzarte Wesen, so entzückend entrückt und irgendwie ätherisch.
Damit wars spätestens im 20. Jahrhundert vorbei, als Leute wie Alban Berg Sirenen wie Wedekinds Lulu zur Hauptakteuse ihrer Komposition machten und sie aktiv leben ließen. Klar, um das Sterben am Ende kam dennoch keine herum, aber das wäre sonst auch ein bisschen viel geworden mit der weiblichen Emanzipation in der Oper.

Interessant wirds, wenn eben diese Lulu an einem der weniger angestaubten Opernhäuser, der Komischen Oper Berlin nämlich, neu instrumentiert wird – und zwar von einer KomponistIN.
Dachte sich tAMtAM und schlappte am 6. Oktober in eine Vorstellung dieses Auftragswerks, das in der letzten Woche Premiere hatte. Eine Bilder-Folge mit Blabla.

LULU. Montage © tAMtAM berlin

Olga Neuwirth heißt die Komponistin, die sich dieses Werk reingezogen hat und etwas politisch Korrekteres draus machen wollte. Deshalb nennt sie das Ganze American Lulu und besetzt die Hauptrollen mit afroamerikanischen SängerInnen. Die Handlung spielt jetzt zu Zeiten des Civil Rights Movements der 1950er- bis 1970er-Jahre in den USA. Wozu?
Im Programmheft stehen schöne Dinge über ein neues Durchdenken des Stoffes, darüber, dass diese Tradition eines männlichen Blicks auf Lulu durchbrochen werden soll.

LULU. Montage © tAMtAM berlin

Ironischerweise gleicht die Lulu auf der Bühne jedoch einer Art Amok-gelaufenem Playboy-Bunny, sie verschlingt einen Mann nach dem anderen, 50er-Jahre hin oder her, und warum sie das macht und warum ausgerechnet in den USA. Tja also. Muss wohl an den schönen Federpuscheln liegen, die sie ab und zu tragen darf. Das Cheerleading ist halt tief verankert in der amerikanischen Kultur.
tAMtAM mutmaßt, dass dieses Civil-Rights-Ding dazu dient, Olga Neuwirths neue Instrumentierung – ziemlich Bigband-lastig – zu rechtfertigen. Sie hat eine restaurierte Kinoorgel gefunden und wollte die unbedingt einbauen. Ist doch voll okay!
Aufmerksame LeserInnen des Programmhefts finden heraus, dass das Ding seine Blütezeit um 1929 hatte. Diese Historie! Einfach nicht in den Griff zu bekommen..

LULU. Montage © tAMtAM berlin

Aber die Regie hat bei der ganzen Sache ja theoretisch auch noch ein Wörtchen mitzureden. Inszeniert und in die Puschel gesteckt hat Kirill Serebrenniko – und bei der Ausdeutung des Stoffes hat er als Gentleman der Dame den Vortritt gelassen. Die wird das schon alles über ihre Musik erzählen, nicht wahr?
Einige Filmchen werden zwischendurch eingespielt, die sehr kunstvoll und abstrakt sind und einem Gelegenheit geben, sich zu sammeln, bevor Lulu wieder von Liebhaber zu Liebhaber hechelt.

LULU. Montage © tAMtAM berlin

Faszinierender Opernabend: Die Hauptfigur dabei zu beobachten, wie sie von American Lulu zum American Cliché einer Femme Fatale wird. Und die Omas in der Reihe vor einem, wie sie sich bei ihren Männern via Ganz-böser-Blick über diese quietschende Musik beschweren. Komplett zahnlos war Lulu-Bunny eben doch nicht.

„American Lulu“ in einer Neuinterpretation von Alban Bergs Oper von Olga Neuwirth
Komische Oper Berlin

Nächste Vorstellungen: 10. Oktober, 6. & 17. November.

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